María Vargas, Önologin bei Marqués de Murrieta

Von der Balance im Glas bis zum Lieblingssong während der Weinlese: María Vargas erzählt, weshalb große Jahrgänge nicht geplant werden können wie Trends, sondern aus Erfahrung, Geduld und Vertrauen in den richtigen Rhythmus entstehen.

Große Weine entstehen selten durch schnelle Entscheidungen. Für María Vargas, Önologin bei Marqués de Murrieta, sind Zeit, Präzision und Geduld die wichtigsten Zutaten. Seit Jahrzehnten prägt sie die Stilistik eines der traditionsreichsten Weingüter Spaniens und verfolgt dabei einen Ansatz, der auf Kontinuität statt auf kurzfristige Trends setzt. Was einen Wein wirklich stimmig macht, hat für sie dabei wenig mit Kraft oder Intensität zu tun. "Ein Wein ist dann im Gleichgewicht, wenn kein einzelnes Element heraussticht und alles als Ganzes Sinn ergibt. Frucht, Säure, Struktur und Ausbau müssen miteinander harmonieren." Ob diese Balance erreicht wurde, zeige sich oft erst mit der Zeit. Nicht in einem einzigen Verkostungsmoment, sondern während der Entwicklung des Weins. "Wenn ein Wein seine Herkunft ausdrückt, seine Identität bewahrt und gleichzeitig Frische und Eleganz zeigt, dann weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist."

  • Das Weingut von Marqués de Murrieta

Mut zur Beständigkeit

In einer Zeit, in der Innovation oft mit radikalen Veränderungen gleichgesetzt wird, vertritt María Vargas eine andere Sichtweise. Die mutigsten Entscheidungen seien häufig jene, die Geduld erfordern. "Bei einem historischen Weingut wie Marqués de Murrieta besteht die größte Herausforderung nicht darin, alles zu verändern, sondern die Essenz des Hauses zu bewahren und gleichzeitig mit technischem Know-how weiterzuentwickeln." Dazu gehört auch, Entscheidungen nicht für den nächsten Jahrgang zu treffen, sondern für die kommenden Jahrzehnte. Geprägt wurde sie dabei vom Leben im Rebberg, vom Verständnis für die Eigenheiten jedes Jahrgangs und von den Werten ihrer Eltern, die ihr Respekt vor sorgfältiger Arbeit und langfristigem Denken vermittelt haben. Auch die Geschichte und Philosophie von Marqués de Murrieta hätten sie entscheidend beeinflusst. "Die Verantwortung gegenüber einem solchen Erbe prägt jede Entscheidung."

  • Die Kraft aus dem Barrique

Die stille Seite des Weinmachens

Für viele Menschen besteht die Arbeit einer Önologin aus Verkostungen und kreativen Entscheidungen. María Vargas sieht das anders. "Oft wird die stille, kontinuierliche Arbeit unterschätzt." Weinmachen bedeute vor allem beobachten, zuhören und geduldig bleiben. Besonders schätzt sie jene Momente, die von aussen unspektakulär wirken: das tägliche Verkosten der Weine, das Beobachten kleiner Veränderungen und das Reflektieren über den nächsten Schritt. "Hier entsteht der Wein wirklich. Viele Entscheidungen, die später den Unterschied ausmachen, werden genau in diesen ruhigen Momenten getroffen." Ebenso wichtig sei die Fähigkeit, nicht immer eingreifen zu müssen. Oft seien gerade jene Entscheidungen die wichtigsten, bei denen man dem Wein die Zeit gibt, seinen eigenen Weg zu gehen.

Inspiration ausserhalb des Kellers

Wenn Wein einmal nicht im Mittelpunkt steht, sucht María Vargas bewusst den Ausgleich. Spaziergänge in der Natur, neue Orte entdecken oder einfach Momente ohne Hektik helfen ihr, den Blick zu schärfen. Inspiration findet sie zudem in Bereichen, in denen Disziplin, Konsequenz und Ausdauer eine zentrale Rolle spielen. Besonders der Tennissport fasziniert sie. Die mentale Stärke und die tägliche Arbeit an kleinen Verbesserungen erinnern sie an den Weinbau. "Im Wein wie im Sport gibt es keine Abkürzungen. Das Ergebnis ist immer die Summe von Ausdauer, Konsequenz und harter Arbeit." Auch kulinarisch blickt sie gerne über die Grenzen Spaniens hinaus. Die japanische Küche begeistert sie durch ihre Präzision, Eleganz und den respektvollen Umgang mit jedem einzelnen Produkt. Entsprechend bevorzugt sie Weine, die Speisen begleiten, statt sie zu dominieren. "Wein sollte mit dem Essen in Dialog treten."

  • Die Zeit der Lese ist immer etwas besonderes

Ein Lied für jeden Jahrgang

Bücher, Filme und Musik begleiten María Vargas seit vielen Jahren. Ein einzelnes Werk hervorzuheben, fällt ihr schwer. "Mit jeder Lebensphase verändern sich auch die Dinge, die uns berühren. Genau wie beim Wein entdeckt man in einem Buch, einem Film oder einem Musikstück immer wieder neue Facetten." Eine besondere Tradition pflegt sie jedoch seit Jahren während der Weinlese. Zu Beginn jeder Ernte wählt sie ein Lied aus, das sie fortan jeden Morgen auf dem Weg ins Weingut begleitet. "Es muss Energie, Rhythmus und Intensität haben. Vom ersten bis zum letzten Tag der Lese höre ich genau diesen Song immer wieder." Mit der Zeit werde das Lied zum akustischen Erinnerungsstück eines ganzen Jahrgangs. Es steht für die Herausforderungen, die Emotionen und die besonderen Momente einer Ernte und bleibt untrennbar mit ihr verbunden.

  • Das Ziel aller Dinge: die besten Trauben
  • Der Rhythmus großer Weine

    Wer María Vargas zuhört, erkennt schnell, dass ihre Arbeit von einem tiefen Vertrauen in den Faktor Zeit geprägt ist. Vom Rebberg bis in den Keller folgt alles einem natürlichen Rhythmus. Nichts wird überstürzt, stattdessen setzt sie auf Beobachtung, Konsequenz und die Fähigkeit, den richtigen Moment abzuwarten. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis von Marqués de Murrieta: große Weine mit Geduld, Erfahrung und Respekt auf ihrem Weg zu begleiten.

Ping-Pong mit María Vargas

Kaffee oder Tee?

Immer Kaffee

Berge oder Meer?

Berge im Sommer, Meer im Winter

Spontan oder geplant?

Geplant

Im Rebberg: Intuition oder Analyse?

Analyse mit Intuition

Mehr Spannung oder mehr Fülle?

Spannung, ohne die Fülle zu verlieren

Tradition bewahren oder neu interpretieren?

Neu interpretieren – mit Respekt

Frische Eleganz oder mediterrane Kraft?

Frische Eleganz, immer

Wein solo oder zum Essen?

Zum Essen – und im Dialog damit

Lagerpotenzial oder unmittelbarer Genuss?

Lagerpotenzial

Barrique oder Edelstahl?

Barrique, wenn es mit Verständnis eingesetzt wird

Minimalismus oder Opulenz?

Präziser Minimalismus

Morgennebel oder Abendsonne?

Abendsonne

Reife Tannine oder lebendige Säure?

Die Balance von beidem