Was macht einen großen Wein aus? Christian Coco, Önologe von Poggio al Tesoro, spricht über Balance, mutige Entscheidungen im Rebberg, die Besonderheiten Bolgheris und warum das Meer für ihn Quelle von Ruhe und Inspiration ist.
Wer Christian Coco zuhört, merkt schnell, dass für ihn Wein weit mehr ist als ein Produkt. Es geht um Entscheidungen, Intuition, Menschen und um die Suche nach Harmonie. Als Önologe von Poggio al Tesoro prägt er einige der spannendsten Weine Bolgheris. Seine Philosophie lässt sich dabei auf einen Begriff verdichten: Balance.
"Ein Wein ist für mich dann ausgewogen, wenn keine Komponente die andere dominiert", erklärt Coco. Im Mittelpunkt steht für ihn stets die Frucht. Alkohol, Säure und Reife sollen nicht um Aufmerksamkeit kämpfen, sondern gemeinsam ein harmonisches Ganzes bilden. Diese Balance müsse bereits in jungen Jahren vorhanden sein. "Nur so kann ein Wein auch während seiner Entwicklung und Reifung seine Attraktivität bewahren."
Dass Bolgheri heute zu den renommiertesten Weinregionen Italiens zählt, überrascht ihn nicht. Die Nähe zum Mittelmeer sorgt für lange, ausgeglichene Reifephasen bis weit in den Herbst hinein. Gerade spätreifende Sorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc oder Petit Verdot profitieren davon. "Wir können hier eine Reife erreichen, die in vielen anderen Regionen der Welt nur schwer möglich ist."
Doch große Weine entstehen nicht allein durch Herkunft. Oft sind es mutige Entscheidungen, die über die Qualität eines Jahrgangs entscheiden. Eine besonders prägende Erinnerung führt Coco zurück in den September 2023. Dunkle Wolken zogen über Bolgheri auf, starker Regen war angekündigt. Die Cabernet-Franc-Trauben für den Spitzenwein Dedicato a Walter waren noch nicht ganz reif, gleichzeitig schien das Risiko enorm. "Ich habe mich entschieden zu warten", erzählt er. Eine Entscheidung gegen die Vernunft vieler Wetterprognosen. Der Regen blieb aus. Die Trauben konnten weiterreifen und gewannen entscheidend an Qualität. "Rückblickend war es die richtige Entscheidung."
Fragt man ihn nach seinem Lieblingswein, antwortet er diplomatisch. "Es ist ein bisschen so, als würde man Eltern nach ihrem Lieblingskind fragen." Dennoch spürt man seine besondere Verbindung zu Solosole und Sondraia. Vor allem Sondraia fasziniert ihn jedes Jahr aufs Neue. Obwohl die Rebsorten gleich bleiben, verändert sich die Persönlichkeit des Weins mit jedem Jahrgang. Die unterschiedlichen Böden der Weinberge bringen Nuancen hervor, die im finalen Blend zu einem stimmigen Ganzen verschmelzen.
Sein Blick auf Wein wurde von vielen Menschen geprägt. Internationale Berater und renommierte Fachleute haben ihn auf seinem Weg begleitet. Von ihnen lernte er die Bedeutung von Eleganz, Präzision und Geduld. Vor allem aber lernte er, wie wichtig es ist, einen Wein nicht nur analytisch zu betrachten, sondern auch emotional zu verstehen.
Wer von außen auf den Beruf des Önologen blickt, denkt häufig an die Weinlese. Christian Coco sieht das anders. "Dieser Beruf dauert praktisch dreizehn Monate im Jahr." Die Arbeit endet nie. Wein entsteht nicht nur im Rebberg oder im Keller. Genauso wichtig sei der Austausch mit Konsumentinnen und Konsumenten, das Beobachten von Trends und das Gespräch mit anderen Produzenten.
Besonders am Herzen liegen ihm dabei die Menschen hinter den Weinen. Ein großer Teil seiner Zeit gilt dem Team. "Nur durch ihre Arbeit kann ein Wein sein volles Potenzial erreichen." Deshalb investiert er bewusst in den Austausch mit seinen Mitarbeitenden und verkostet die fertigen Weine gemeinsam mit ihnen. Das schaffe Verständnis, Verantwortung und Stolz.
Wenn Christian Coco einmal nicht an Wein denkt, zieht es ihn ans Meer. Dort findet er Ruhe und neue Perspektiven. Ob beim Schwimmen oder Surfen: Das Wasser ist für ihn Rückzugsort und Inspirationsquelle zugleich. "Wenn ich draußen auf dem Meer bin, weit weg vom Lärm der Zivilisation, finde ich eine besondere Ruhe." Oft entstehen genau dort neue Ideen oder Lösungen für Herausforderungen, die zuvor unlösbar schienen.
Auch Kunst inspiriert ihn. Architektur, Malerei und Musik betrachtet er mit ähnlicher Faszination wie Wein. "Weinmachen ist für mich manchmal wie das Komponieren eines Musikstücks oder das Malen auf einer leeren Leinwand."
Kaffee oder Tee?
Tee
Berge oder Meer?
Meer
Spontan oder geplant?
Geplant
Entscheidungen im Rebberg: intuitiv oder analytisch?
Intuitiv
Mehr Spannung oder mehr Weichheit?
Mehr Spannung
Tradition bewahren oder neu interpretieren?
Tradition bewahren
Kühle Eleganz oder mediterrane Kraft?
Kühle Eleganz
Solist oder Speisenbegleiter?
Solist
Lagerpotenzial oder Trinkfreude?
Lagerpotenzial
Barrique oder Edelstahltank?
Barrique
Minimalismus oder Opulenz?
Minimalismus
Morgennebel oder Abendsonne?
Abendsonne
Reife Tannine oder lebendige Säure?
Reife Tannine