Wein, Ernte, Jahrgang 2026

Was früher „Herbsten“ hieß, fand 2026 vielerorts bereits mitten im Hochsommer statt. Noch vor einigen Jahrzehnten waren September und Oktober die klassischen Monate der europäischen Weinlese. In diesem Jahr hat ein warmer und trockener Vegetationsverlauf mit mehreren Hitzeperioden und regionaler Trockenheit die Reife der Trauben massiv beschleunigt – und hat in zahlreichen Weinregionen für historisch frühe Lesetermine gesorgt.

  • Rekorde von der Champagne über Burgund bis nach Bordeaux

    In der Champagne begann die offizielle Lese je nach Ort und Rebsorte bereits Mitte August, einzelne Erzeuger starteten sogar schon früher. In Burgund wurden die ersten Trauben für Crémant am 8. August gelesen – fünf Tage früher als beim bisherigen Rekord von 2022. Auch Bordeaux ist außergewöhnlich früh: Mitte August begann die Lese der weißen Trauben, der Vegetationszyklus liegt regional rund zwei Wochen vor den besonders frühen Jahrgängen 2020 und 2022.

Sommerliche Weinlese in allen deutschen Regionen

Deutschland erlebt ebenfalls einen außergewöhnlichen Jahrgang: Nach Angaben des Deutschen Weininstituts hat die Hauptlese für die allermeisten Betriebe so früh wie noch nie begonnen. Ende August wurde bereits von Sachsen bis zum Bodensee gelesen, fast alle Rebsorten werden ungewöhnlich dicht hintereinander reif. Die Trauben präsentieren sich sehr gesund, aufgrund der Trockenheit sind die Beeren vielerorts jedoch kleiner als üblich – entsprechend werden eher unterdurchschnittliche Erträge erwartet.

  • Auch in der Schweiz:
    Frühe Reife – mit gutem Potenzial

    Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Schweiz. In Graubünden startete man mit der Ernte der Chardonnay-Trauben teilweise fast einen Monat früher als üblich, und auch in anderen Regionen hat die Lese äußerst früh begonnen. Wie Christoph Schwegler, Geschäftsführer der Staatskellerei Zürich, berichtet, zeichnet sich dort eine sehr gesunde und konzentrierte Ernte ab. Zugleich könnten kleinere Beeren und geringere Saftausbeuten die Mengen begrenzen. Wie groß die Unterschiede ausfallen, hängt stark davon ab, wie sehr einzelne Rebberge unter der Trockenheit und dem damit verbundenen Wasserstress gelitten haben.

Kleine Beeren, große Konzentration

Neben der Hitze prägte vielerorts auch Wassermangel den Vegetationsverlauf. Geringe Niederschläge und anhaltende Trockenheit führten regional zu Wasserstress und vergleichsweise kleinen Beeren. Das kann durchaus qualitätsfördernd wirken: Kleinere Beeren besitzen ein höheres Verhältnis von Schale zu Saft und können dadurch eine stärkere Konzentration von Farb-, Gerb- und Aromastoffen aufweisen. Wird der Trockenstress jedoch zu stark, kann die Rebe ihre Reifeprozesse verlangsamen, die Aromenausbildung beeinträchtigt und der Ertrag deutlich reduziert werden.

Die Herausforderung: Zuckerreife versus Frische

Die vielleicht größte Herausforderung des Jahrgangs liegt jedoch in der ungewöhnlich schnellen Zuckerreife. Hohe Temperaturen ließen die Mostgewichte rasch ansteigen, während Säure, Aromatik und physiologische Reife nicht zwangsläufig im gleichen Tempo folgten. Manche Trauben wurden deshalb bewusst früher gelesen, um zu hohe Alkoholwerte, niedrige Säure, überreife Frucht und einen schweren, breiten Weinstil zu vermeiden.

Entscheidend wird 2026 daher sein, hohe Reife und Konzentration mit Frische, Säure und aromatischer Präzision zu verbinden. Sind die Trauben gesund geblieben und war der Wasserstress nicht zu extrem, besitzt der Jahrgang vielversprechendes Potenzial für konzentrierte, aromatische Weißweine und charaktervolle, farbintensive Rotweine.

  • „Die Kunst der Ernte 2026“

    Wie anspruchsvoll diese Balance ist, bestätigt auch Christoph Schwegler von der Staatskellerei Zürich: „Die Kunst der Ernte 2026 wird stärker denn je darin bestehen, den richtigen Kompromiss zwischen Zuckerreife, Säure, Aromareife und physiologischer Reife zu finden.“ Seine vorläufige Einschätzung fällt dennoch vielversprechend aus: „2026 könnte qualitativ ein sehr interessantes Jahr mit konzentrierten und gesunden Trauben werden – mengenmäßig aber eher ein anspruchsvolles Jahr.“