Mit Mitte 20 sucht man nach einer Aufgabe, die Sinn stiftet. Im Genuss habe ich diese Aufgabe gefunden: Den Menschen besondere Momente nach Hause zu bringen. Warum dies meiner Meinung nach so wichtig ist, habe ich hier zu Papier gebracht. Von Nikolaus Eggers
Wenn ich vom Alexanderplatz in Richtung Brandenburger Tor laufe, merke ich jedes Mal wieder, wie sehr Berlin zwischen zwei Welten lebt. Anfangs die nüchterne Hektik und die Fassaden der Ostmoderne, hart und funktional. Plötzlich geht es über in weichere Formen, Säulen und Ornamente, die sich anfühlen wie eine Rückbesinnung auf etwas Natürlicheres. Auf diesen wenigen Kilometern spüre ich eine Gegenüberstellung zwischen Alltagseffizienz und dem Wunsch nach sinnlicheren Momenten. Oft denke ich, dass zwei Seiten in mir leben.
Im Alltag bin ich Fachmensch: effizient, konzentriert und strukturiert. Ich kenne das Gefühl, selbst ein kleines Rad im großen Getriebe zu sein. Termine, Zahlen und Projekte bestimmen das Leben, und es ist alles ordentlich abgelegt, wie Weinflaschen in einem Regal. Wenn die Tage zu sehr nach Fach und Funktion riechen, merke ich, dass in mir etwas leise protestiert.
Ich möchte etwas, das Geschichten erzählen kann, das sich ursprünglich anfühlt, eine Auszeit, die den Kulturmenschen in mir anspricht. Wenn ich in einer unserer Filialen bin und mir einen besonderen Wein aussuche und die Flasche dann mit nach Hause nehme, braucht es nur das unverkennbare Geräusch des Korkens, den Duft, der sich entfaltet, sobald ich den Wein im Glas schwenke, und schon hat der Tag eine unvergleichliche Tiefe.
Wenn ich mit meinen Freunden rede, spüre ich denselben subtilen Wunsch. Wenn sich der Banker Pflanzen in sein Büro stellt, damit ihn nicht nur das grelle Excel-Grün ins Auge sticht, oder die Anwältin beginnt, Polaroidkameras zu sammeln, um Momente bewusster festzuhalten. Es sind diese Momente, die mir zeigen, dass nicht nur ich den Wunsch nach einer Verzauberung der Welt habe.
Wenn ich mit meinen Freunden am Tisch sitze und ich eine gute Flasche Rotwein von der Côtes-du-Rhône hinstelle, entsteht sofort ein Gefühl von Geselligkeit – mit einem Wort: Genusskultur. Die Stimmen werden weicher, und man gibt sich auch mal wieder der Vorstellungskraft hin. In diesem Moment entsteht ein anderes Tempo, und man besinnt sich auf die Zeit, die in einer Flasche steckt: das erste Austreiben der Reben im Frühling, die Arbeit im Weinberg an den heißen Sommertagen, unzählige Arbeitsstunden der Vinifikation.
Ich glaube, dass wir diese Momente brauchen, um ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem, was wir können, und dem, was wir fühlen. Wein ist für mich nicht nur ein Getränk, sondern ein Symbol für Genuss und ein Gegenentwurf zum alltäglichen Funktionieren. Er ist ein Beweis dafür, dass wir mehr sind als nur unsere To-do-Listen. Und ich bin mir sicher, dass in genau diesen Momenten die Wiederverzauberung beginnt: nicht in großen Konzepten, sondern in den Momenten, die wir miteinander teilen.